Schmauch, Sprengstoff und Spürhunde –
warum saubere Begriffe über Einsatz oder Eskalation entscheiden
In einem aktuellen Interview, das unter anderem auf der Website von SPARTANAT eingebettet wurde 👉 https://www.spatanat.com
spricht Florian von Kynotec ausführlich über Spürhundausbildung, Spezialisierung und insbesondere über die strikte Trennung von Schusswaffen- und Sprengstoffspürhunden.
Als zentrales Argument wird dabei mehrfach der Begriff „Schmauch“ herangezogen – sowohl als Geruchsbild für Schusswaffen als auch als möglicher Auslöser taktischer Fehlentscheidungen.
https://youtu.be/Jn0-sTZL4ao?si=VhvI4gcnOUZhrec8
Das Interview ist offen, engagiert und praxisnah. Gleichzeitig zeigt es exemplarisch ein Problem, das im Diensthundewesen seit Jahren besteht:
Unscharfe Begriffe führen zu unscharfer Ausbildung – und diese wiederum zu operativen Risiken.
Dieser Beitrag soll daher keine persönliche Kritik, sondern eine fachliche Einordnung leisten.
1. Schmauch – ein Begriff aus der Ballistik, nicht aus der Sprengstoffkunde
„Schmauch“ ist kein Sprengstoff und auch kein klar definierter Zielgeruch.
In der forensischen Ballistik beschreibt Schmauch Rückstände nach der Schussabgabe, typischerweise bestehend aus:
- Primer-Rückständen
(z. B. Blei, Barium, Antimon) - Treibmittelrückständen
– vor allem Nitrozellulose (NC) und deren Zersetzungsprodukte - Geschoss- und Laufabrieb
(Kupfer, Zink, Blei, Legierungen) - Schmierstoffen, Ölen, Verbrennungsnebenprodukten
Diese Zusammensetzung ist hoch variabel:
abhängig von Munitionssorte, Hersteller, Alter, Lagerung, Feuchtigkeit, Umgebung und davon, ob und wie oft geschossen wurde.
Schmauch ist kein reproduzierbarer Stoff, sondern ein Sammelbegriff für Rückstände.
2. Einheitliche und zusammengesetzte Sprengstoffe – eine notwendige Differenzierung
In der Sprengstoffkunde – und damit auch in der Spürhundausbildung – unterscheiden wir grundsätzlich zwischen einheitlichen (homogenen) und zusammengesetzten (heterogenen) Sprengstoffen.
Einheitliche (homogene) Sprengstoffe
Diese bestehen aus chemisch klar definierten Molekülen mit reproduzierbaren Eigenschaften:
- TNT (Trinitrotoluol)
- RDX / Hexogen
- HMX / Oktogen
- PETN
- Tetryl
- Pikrinsäure
- Nitroglyzerin
Diese Stoffe sind:
chemisch eindeutig
analytisch messbar
olfaktorisch konsistent
als Zielgeruch sauber konditionierbar
Zusammengesetzte (heterogene) Sprengstoffe
Hierzu gehören Mischungen aus Explosivstoff(en), Bindemitteln, Weichmachern und Zusatzstoffen, z. B.:
- SEMTEX (u. a. RDX + PETN + Bindemittel)
- C-4 (RDX-basiert)
- ANFO (Ammoniumnitrat + Heizöl)
- improvisierte oder terroristische Mischungen
Auch diese Sprengstoffe sind detektierbar, weil sie definierte Explosivkomponenten enthalten.
Ihr Geruchsbild ist komplexer – aber nicht beliebig.
SEMTEX ist ein Gemisch – Schmauch ist ein Rückstand.
Das ist chemisch und ausbildungstechnisch nicht vergleichbar.

3. Der Denkfehler „Schmauch = dankbarer Zielgeruch“
Im Interview wird Schmauch als „dankbarer Geruch“ bezeichnet, da nahezu jede Waffe zumindest einmal abgefeuert wurde.
Diese Aussage ist taktisch verständlich, aber wissenschaftlich problematisch:
- Schmauch ist kein normierter Stoff
- Schmauch ist kein Sprengstoff
- Schmauch ist kein stabiler Zielgeruch
- Schmauch kann auf völlig legalen Gegenständen vorkommen
Ein Hund, der auf „Schmauch“ konditioniert wird, zeigt nicht automatisch eine Gefahr an, sondern lediglich das Vorhandensein bestimmter Rückstände – ohne Aussage über:
- aktuelle Bedrohung
- Funktionsfähigkeit einer Waffe
- Zusammenhang mit Sprengmitteln
Die Gefahr liegt nicht im Hund – sondern in der Interpretation der Anzeige.

4. Trennung der Sparten – taktische Entscheidung, keine kynologische Notwendigkeit
Die im Interview vertretene strikte Trennung von Schusswaffen- und Sprengstoffspürhunden wird mit möglichen Eskalationsfolgen begründet (Evakuierungen, Entschärfer, Großlagen).
Das ist einsatztaktisch nachvollziehbar, aber es ist wichtig, klar zu sagen:
Diese Trennung ist eine organisatorische und taktische Entscheidung.
Sie ist kein Beweis dafür, dass Hunde nicht differenzieren könnten.
Sie ersetzt keine saubere Geruchsdefinition.
Hunde sind in der Lage:
- mehrere Zielstoffe zu lernen
- zwischen Stoffklassen zu unterscheiden
- unterschiedliche Anzeigeverhalten zu zeigen
Voraussetzung ist:
- präzise Zielstoffdefinition
- saubere Konditionierung
- klare Anzeigeprotokolle
- gut ausgebildete Hundeführer

5. DOGINARE-Position: Präzision statt Vereinfachung
Bei DOGINARE vertreten wir seit Jahren eine klare Linie:
- Sprengstoffspürhunde sind Spezialisten
- Zielgerüche müssen chemisch definiert sein
- Begriffe dürfen nicht vermischt werden
- Schmauch ist kein Ersatz für Sprengstoffkunde
Nitrozellulose kann – je nach Kontext – relevant sein.
Aber: NC ist nicht gleich Schmauch, und Schmauch ist kein valider Oberbegriff für Explosivstoffe.
Wer hier unsauber arbeitet, riskiert:
- Fehlkonditionierungen
- Fehlinterpretationen
- operative Überreaktionen
- und letztlich Vertrauensverlust in das System „Spürhund“
Fazit
Das Interview von Kynotec, repostet unter anderem über SPARTANAT, liefert viele wertvolle Einblicke in moderne Spürhundarbeit.
Gleichzeitig zeigt es, wie wichtig es ist, Begriffe, Chemie und Einsatztaktik strikt zu trennen.
Schmauch ist kein Zielstoff.
Sprengstoff ist kein Sammelbegriff.
Und Hunde verdienen klare Aufgaben – keine begrifflichen Abkürzungen.
Nur so bleibt Spürhundearbeit:
fachlich sauber
operativ belastbar
und gesellschaftlich akzeptiert.

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